Newsletter 10/25: Ist der Aktienmarkt überheizt? Ein Marktkommentar

20.10.2025

Für die Vorstellung der Anleger:innen, denen ich in letzter Zeit begegne, habe ich oft nur ein Wort: Naiv. Zwar hat sich die ETF-Bubble inzwischen ziemlich durchgesetzt auch auf dem Deutschen Markt mit günstigen Indexfonds, bei denen die Marktrendite tatsächlich auch beim Anleger hängen bleibt. Mit welcher Selbstsicherheit aber von 8-10% Rendite pro Jahr ausgegangen wird jagt mir manchmal aber einen Schauer über den Rücken. Der Aktienmarkt hat Risiken! 

Statistisch treten alle 4 Jahre eine Krise auf (Definition: >20% Kursverlust). Nur weil in den letzten 15 Jahren keine Krise länger als 1 Jahr gedauert hat, sollte man davon nicht allgemeingültig ausgehen. Die Finanzkrise 2007/08 hat immerhin 6 Jahre gebraucht, um sich von seinem Kurssturz von 48% vollständig zu erholen. Wer das Platzen der dotcom-Bubble im Jahr 2000 mitgenommen hat, musste in Summe sogar 14 Jahre warten, bis sich die 54% Kursverlust endgültig wieder erholt haben. Dabei war die dotcom-Bubble gar keine realwirtschaftliche Krise, sondern lediglich Korrektur übersteigerter Erwartungen mit Rückkehr auf den langfristigen Trend:

Quelle: eigene Darstellung anhand der historischen Daten
Quelle: eigene Darstellung anhand der historischen Daten


Die Corona-Krise wurde nur deswegen so schnell an der Börse überkommen, weil die westlichen Notenbanken die Geldmenge stark ausgeweitet haben durch Zins-Senkungen und den Kauf von Wertpapieren mit neu "gedrucktem" Geld (Quantitative Easing). Folgende Grafik von der US Notenbank FED zeigt den nahezu senkrechten Sprung Anfang 2020:

Geldmenge M2 der USA (Quelle: boerse.de)
Geldmenge M2 der USA (Quelle: boerse.de)


Auf der anderen Seite ist die Realwirtschaft der Geldmengen-Ausweitung nicht hinterher gekommen. Die Wachstumsraten der Industrieländer stagnieren seit der Jahrtausendwende und liegen bei gut 2,5% (USA) bzw. sogar unter 2% (Euroraum) - davor lagen sie gut einen Prozentpunkt höher.

Da das neu geschöpfte Geld überwiegend bei der wohlhabenden Schicht gelandet ist, die überproportional in Aktien und Immobilien investieren, entwickelte sich der Aktienmarkt prächtig (Vermögenswert-Inflation). Gleichzeitig ist der Einkommensanteil des reichsten 1%, der Anfang der 90er noch bei 24% lag, auf 37% gestiegen.

Lange Rede kurzer Sinn: Der Markt ist auch wegen Geldpolitik und wachsender Ungleichheit so stark gestiegen. Jedoch untergraben westliche Notenbanken mit einer derartigen Geldmengenausweitung genau jene Position, die ihnen das bisher erlaubt hat. Die Folge ist, dass Krisen in Zukunft nicht mit der gleichen Geldpolitik "zugeschüttet" werden können. Auch die Ungleichheit kann aufgrund sozialer Spannungen nur eingeschränkt weiter so entwickeln. Letztlich sorgt der Konsum der breiten Gesellschaft erst für die Gewinne der Unternehmen.

In den letzten 3 Jahren ist Kurs-Gewinn-Verhältnis im US-Aktienindex S&P 500 nochmal um gut 45% gestiegen auf inzwischen 23-23,5 (verschiedene Berechnungs-methoden). Zwar ist das noch ein Stück entfernt von den 30 vor dem Platzen der dotcom-Bubble, aber deutlich (67%) über dem historischen Mittelwert. Ein Blick auf die Vergangenheit zeigt, dass auf hohe Bewertungen in der Regel geringe Renditen folgen:


Derartige Graphen muss man nicht überbewerten - die Welt ist mit Geldschöpfung, Geldverteilung, Geopolitik und technologischen Innovationen zu komplex um einfache Vorhersagen zu treffen. Auch der Trend im Graph oben sieht deutlich weniger hübsch aus, wenn man statt der folgenden 10-Jahres-Renditen, nur 5-Jahres-Renditen betrachtet (traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast). Jedoch hoffe ich, damit dafür zu sensibilisieren, denn auf die guten letzten Jahre kann auch eine schwierigere Phase folgen.

Nicht ohne Grund hat die Investmentfirma Berkshire Hathaway von Investoren-Legende Warren Buffet aktuell ein Cash-Polster von $400 Milliarden aufgebaut (40% Cash-Quote). Nach dessem berühmten "Buffet-Indikator" ist der Aktienmarkt mit 2,2 Standard-Abweichungen stark überbewertet.

Getrieben wird der Hype vor allem von KI. Jedoch ist vieles davon ein komplettes Luftschloss. KI-Firmenwie OpenAI sind noch so weit von Profitabilität entfernt, dass Chip-Zulieferer Nvidia seinen eigenen Kunden das Geld leiht, um sich die Chips leisten zu können. Die Schulden von Nvidia-Kunden belaufen sich Stand Q2/25 auf $28 Milliarden - 40% des Jahresgewinns von Nvidia.

Die Frage ist, ob die enormen Investitionen im Bereich KI nicht auch Überkapazitäten erzeugen. Die Folge wäre eine geringe Eigenkapital-Rentabilität. Dabei steht außer Frage, dass KI in vielen Bereichen der Wirtschaft Produktivitätssteigerungen ermöglichen wird. Aber möglicherweise werden eher die KI-Nutzer die Gewinner sein, wie es bei Grundlagentechnologie zum Beispiel auch beim Internet der Fall war.

Zum Abschluss möchte ich noch eine Grafik zeigen, die ich aus dem aktuellen Marktberichts eines Family Offices übernommen habe. Sie zeigt, wie viel Investoren vom Aktienmarkt als zusätzlichen Ertrag erwarten verglichen zu einer Staatsanleihe bester Bonität. Diese liegt am US-Aktienmarkt bei nur 0,7% p.a. - in den übrigen Ländern bei 6,2% p.a.. Der Durchschnitt seit 1972 beträgt 9,4%…

Als Fazit möchte ich mitgeben, dass man sich aus den Kursen der letzten Jahre nicht in falscher Sicherheit wiegen sollte. Langfristig führt natürlich kein Weg daran vorbei, Erspartes zu Investieren. Die Frage ist, ob es sinnvoll ist das komplett in einen MSCI World zu stecken mit 100% Aktien und davon 70% US-Titel.

Auch deswegen lege ich jetzt meine neue Vermögensverwaltung auf mit einem antizyklischen Risikomanagement. Hierbei wird die Aktienquote von nur 80% (bzw. 40% defensive Variante) erst in einer Krise nicht nur sofort rebalanced, sondern sogar regelbasiert hochgezogen.

Webinar: Rückblick WertWende-Anlagestrategien & mein neues Global Active Stewardship-Portfolio

Wie schon angekündigt, ziehe ich mich mit meiner Anlageberatung aus der WertWende zurück. Grund ist die Auflösung der angedachten Unternehmens-nachfolge. Ich habe eine eigene Firma gegründet und kann ab sofort zu besseren Kondition sogar eine Vermögensverwaltung anbieten. Die zwei bisherigen Anlagestrategien werden um eine Strategie mit antizyklischem Risikomanagement ergänzt. Für alle Bestandskunden gewährleiste ich konsistente Fortführung ihrer Anlage, nachdem ich die Betreuung auf die neue Firma übertragen habe. Wer mehr wissen will: Anfang Dezember biete ich ein Webinar an, in dem ich die Lektionen aus 4 Jahren Management der Anlagestrategien bei der WertWende teile und meine neue Vermögensverwaltung vorstelle. 


Neue Folge im Finance 4Future-Podcast!

Nachdem Beitrag im letzten Newsletter zu Steuerförderungen bei verschiedenen Formen der Geldanlage folgt jetzt der Deep-Dive im Podcast. Den Start macht eine grundlegende Einführung mit den Rahmenbedingungen und Chancen von Bestands- und Neubauimmobilien. Der Klick aufs Episodencover bringt dich automatisch zur Folge bei Spotify:


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Dein Niklas