Mit aktivem Traden den Markt schlagen?
Daran scheiden sich die Geister: Passiv Investieren mit ETFs vs. aktives Management und den Markt schlagen? Als Jemand aus dem Lager des "wissenschaftlich" passiv Investierens kommend (um gleich vorweg meine Wurzeln in dieser Frage offenzulegen) habe ich mich 2025 gechallenged mit einem aktiven Trading-Depot. Das Fazit meines Selbstversuchs (mit echtem Geld) möchte ich in diesem Artikel teilen.
Zuallererst muss ich aber ein wesentlichen Irrtum von ETFs-Fans anzeigen:
Vorweg: ETFs sind nicht immer "passiv".
Ein ETF ist nicht per se passiv und alle sonstigen Fonds aktiv. Was ETFs ausmacht, ist lediglich eine Eigenschaft, die schon im Namen steckt: Exchange-traded.
Bei KLASSISCHEN Fonds überweisen Anleger ihr Geld an ein Konto der Fondsgesellschaft und davon kauft ein Fondsmanager dann Wertpapiere wie Aktien. Beim ETF dagegen geschieht dieser Prozess direkt an der Börse. Im Detail ist er technisch kompliziert, aber im Endeffekt werden Aktien entsprechend der ETF-Zusammensetzung gekauft und dann gegen einen ETF-Anteil getauscht.
Die ETF-Zusammensetzung entscheidet sich durch einen zugrundeliegenden Index. Dieser ist oft "passiv", also breit gestreut und ändert sich über die Zeit wenig. Genauso gibt es aber Indizes, die sich auf einzelne Länder oder bestimmte Branchen konzentrieren oder auch über die Zeit stark umgestellt werden.
Auf der anderen Seite gibt es "aktive" Fonds-Manager, die sehr passiv investieren, also weltweit über alle Branchen streuen und daran auch nichts groß ändern. Bei Indexfonds, folgt das Fonds-Management genau wie ein ETF einem Index. Indexfonds können sogar steuerliche Vorteile haben, da der Fonds-Manager US-Quellsteuer auf Dividenden zurückholen kann, die bei einem ETF anfallen. Solche strukturelle Vorteile habe ich in meinem Beitrag 1,4% mehr Rendite durch das richtige Portfolio-Setup aufgezeigt.
ETFs und klassische Fonds sind also lediglich technische Vehikel. "Wissenschaftlich" Investieren bedeutet im Kern, prognosefrei global in alle Branchen zu streuen.

4 Erkenntnisse aus 6 Monaten Traden
Am 2. Juli 2025 habe ich mein Trading-Depot aufgesetzt mit 3.000 €. Als Anbieter habe ich dazu den Zero Broker gewählt. Hauptgrund war günstige Transaktionskosten und ein breiteres Produktangebot inklusive Derivaten mit Hebel, die es bei Trade Republic & Co nicht gibt. Bis zum Jahresende habe ich mir jeden Monat drei Wetten vorgenommen. Daraus habe ich vier Lessons Learned abgeleitet:
1. Traden ist anstrengend.
Nach 6 Monaten merke ich, wie sehr ich keine Lust mehr darauf habe, tägliche Nachrichten zu verfolgen. Auch der anfangs aufregende Nervenkitzel, zu beobachten, selbst wie die eigene Wette positiv aufgeht, hat sich inzwischen zu einer gewissen Lustlosigkeit entwickelt.
2. Konstant Traden ist Arbeit.
Als jemand der täglich beruflich mit Finanzen und Wirtschaft zu tun hat, flogen mir teils die Ideen nur so zu und ich musste sie nur noch plausibilisieren und konkretisieren. In manchen Monaten hatte ich aber auch keine Idee und habe vor allem hintenraus zunehmend weniger spezifische Wetten auf Einzelaktien getätigt, sondern am Ende sogar einen weltweit gestreuten Value-Aktien-ETF gekauft.
Daraus leitet sich für mich ab, dass selbst ein aktives Trading-Portfolio doch immer eine relativ passive Basis hat. In meinem Fall war es natürlich ein Nebenprojekt mit 3.000 €. Ein Fonds-Manager in Vollzeit (ggf. sogar mit Team) mag sicher mehr (voneinander unabhängige) Hypothesen aufstellen können und über die Streuung die nötige Stabilität reinbekommen, um voll auf diese setzen zu können.
3. Ein erfolgreicher 10x-Hebel wertet den ganzen Monat auf.
Nvidia mit Hebel shorten war natürlich ein mutiger Trade. Leider habe ich mir nicht im Moment des Trades meine Hypothesen genau aufgeschrieben. Es war am Ende ein Gefühl von wachsender Skepsis an den Märkten bezüglich einer KI-Bubble am Aktienmarkt, die sich noch nicht im Kurs widergespiegelt hat. Auslöser war ein Artikel, den ich zu den Kreis-Geschäften zwischen Oracle, OpenAI und Nvidia gelesen habe, wie letztere gigantische Umsätze in ihren Büchern hatten von noch lange nicht profitablen AI-Start-ups, denen der Chip-Riese dazu das Geld selbst leihen musste. In 48 Stunden +65% war natürlich ein Highlight.
Kurz darauf erreichte ich auch das Hoch auf Gesamtportfolio-Ebene:
+30,8% Wertzuwachs nach knapp 10 Wochen (davon machte der Nvidia-Trade gut 6% aus).
In der Zeit lag zwar auch der MSCI World bei +11,1%, aber eine Outperformance von knapp 20% auf 2,5 Monate wäre natürlich aufs Jahr gerechnet ein Niveau, das selbst die kühnsten Gerüchte von Schweizer Vermögensverwaltern übertrifft.
Aber das Experiment durfte natürlich nicht einfach enden, als es am schönsten war:
4. Egal wie fundiert die Hypothese, am Ende hat man nie alle Informationen
Die massive Geldmengen-Ausweitung westlicher Notenbanken schreit nach Inflation. Gleichzeitig sorgt die unzuverlässige Handelspolitik der USA dafür, dass institutionelle Anleger und vor allem nicht-westliche Notenbanken den US-Dollar weniger als Währungsreserve vertrauen. Dass Gold in einer solchen Zeit profitiert, war klar: +70% ging es 2025 nach oben in Dollar betrachtet, +50% in Euro. Zwar noch nicht der schnellste Anstieg der Geschichte, wohl aber ein extrem plötzlicher Anstieg, der irgendwann sein Ende haben musste.
Daneben lag ich, als ich schon am 3.10. eine Bitcoin-Position aufgebaut habe (gut ein Viertel des Portfolios). Wie dem informierten Leser heute rückblickend vielleicht bekannt: Das war ziemlich genau das Allzeit-Hoch, von dem es zwischenzeitlich erstmal stark bergab ging. Da ich weiter "bullish" auf Bitcoin bin in einer Zeit von globalem Vertrauensverlust in staatliche Währungen, habe ich am 7.11. und 22.11. sogar nachgekauft und Stand heute (28.12.) macht Bitcoin eine Gewichtung von 60% in meinem Trading-Portfolio aus.
Seit dem letzten Nachkauf hat sich der Rückgang zumindest stabilisiert, aber die erhoffte Korrektur, der aus meiner Sicht Bepreisungsanomalie hat sich noch nicht wieder eingestellt. Stattdessen haben Anleger wohl einen Narren an Silber gefressen, das year-to-date bei +137% (in Euro) liegt.

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Fazit
Nach 6 Monaten stehe ich nun bei exakt 3.617,22 € bzw. einer relativen Rendite von 20,6%.
Der MSCI World hat in dieser Zeit 10,6% gemacht, der All-Country World (inklusive Schwellenländern) 11,4%.
Das Experiment war insofern also ein Erfolg. Hätte ich das mit meinem ganzen Vermögen gemacht, wäre ich heute reicher. Trotzdem wäre mir das Ganze den nötigen Aufwand und Stress nicht wert.
Selbst mit diesem positiven Erstlauf würde ich in auch in einer zweiten Runde nicht mehr Anteil meines Vermögens in eine solche Strategie investieren. Um mehr Ruhe zu haben, würde ich sogar die gemachten Gewinne rausnehmen und wieder nur mit 3.000 € starten.
Angesichts des Risikos, das ich unterwegs eingegangen bin, wäre mir der mögliche Gewinn einfach nicht die Möglichkeit von größeren Verlusten wert. Mit ist jetzt der Aufwand zu hoch, jetzt Risikometriken auf Gesamt-Portfolio-Ebene über den Gesamtzeitraum auszurechnen. Aber die wären sicher deutlich höher als bei einem 2x-gehebeltem MSCI World. Der hätte im Zeitraum meines Experimentes im Endeffekt die gleiche Rendite gebracht und mich dabei ruhiger schlafen lassen.
Aber ich ende das Experiment und investiere auch nicht in gehebelte ETFs, da diese in volatilen Zeiten auch den Nachteil des sog. "volatility drags" haben, für den ich an dieser Stelle auf andere Literatur verweise (z.B. hier).
Stattdessen bleibe ich für meine Altersvorsorge meinem Impact-Portfolio treu und im Depot einem einfachen ETF-Portfolio. Nächster Schritt für mich ist und bleibt die Implementierung eines antizyklischen Risiko-Managements in meinem Depot. Um das Aufzulegen habe ich weitergedacht™ ja erst gegründet. Wenn du wissen willst, was dahinter steckt, schau dir gern die Vorstellung unter Vermögensverwaltung an.
Hast du ähnlich anstrengende Erfahrungen mit aktivem Portfolio-Management gemacht? Wenn du deine Geldanlage deutlich weniger riskant und trotzdem renditestark aufstellen möchtest, melde dich gern.
Dein Niklas Krämer von weitergedacht.™ Anlageberatung

