
ETF-Stimmrechte & Proxy Voting: Niklas Krämer in DAS INVESTMENT
Zwei ETFs bilden denselben Index ab, halten nahezu dieselben Aktien und unterscheiden sich bei den Kosten vielleicht nur um wenige Hundertstel Prozentpunkte. Sind sie deshalb praktisch identisch? Nicht unbedingt.
Denn mit Aktien sind nicht nur Dividenden und Kursgewinne verbunden, sondern auch Aktionärsrechte. Dazu gehört insbesondere das Stimmrecht auf Hauptversammlungen. Wer einen ETF besitzt, übt diese Stimmrechte allerdings nicht selbst aus. Das übernimmt in der Regel die Fondsgesellschaft. Damit entscheidet die Wahl des ETF-Anbieters auch darüber, wie die eigenen Aktionärsrechte genutzt werden.
Was bedeutet Proxy Voting bei ETFs?
Auf Hauptversammlungen stimmen Aktionäre über zahlreiche Fragen ab: die Wahl von Aufsichtsräten, die Vergütung des Managements, Kapitalmaßnahmen oder Anträge von Aktionären zu Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen.
Bei einem ETF mit hunderten oder tausenden Aktien entstehen entsprechend viele Abstimmungen. Der einzelne ETF-Anleger bekommt davon meist wenig mit. Die Fondsgesellschaft bündelt jedoch die Stimmrechte aller Anleger und kann dadurch bei vielen Unternehmen zu einem bedeutenden Aktionär werden. Diese Ausübung der Stimmrechte wird als Proxy Voting bezeichnet und ist Teil des sogenannten Stewardship eines Asset Managers.
Für mich ist das kein Nebenthema. Das Mitbestimmungsrecht als Aktionär steht grundsätzlich neben dem Recht, an den Gewinnen eines Unternehmens beteiligt zu werden. Wer einen ETF kauft, gibt die Ausübung dieses Rechts an die Fondsgesellschaft ab.
Gleicher Index, unterschiedliche Stimmabgabe
Besonders interessant wird das bei ETFs auf Standardindizes wie den MSCI World oder S&P 500. Die enthaltenen Unternehmen unterscheiden sich zwischen zwei ETFs auf denselben Index kaum. Trotzdem können die jeweiligen Fondsgesellschaften auf den Hauptversammlungen dieser Unternehmen völlig unterschiedlich abstimmen.
Wie groß diese Unterschiede sein können, zeigt beispielsweise die von ShareAction untersuchte Proxy-Voting-Saison 2024. Bei ausgewählten Umwelt- und Sozialanträgen unterstützten die untersuchten europäischen Asset Manager durchschnittlich 81 Prozent der Anträge. Bei den seit 2021 durchgehend untersuchten US-Anbietern waren es lediglich 19 Prozent.
Natürlich sagt eine einzelne Quote noch nicht, ob ein Anbieter "gut" oder "schlecht" abstimmt. Nicht jeder Nachhaltigkeitsantrag ist automatisch sinnvoll und unterschiedliche Anbieter können zu legitimerweise unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Die Größenordnung zeigt aber: Welcher ETF-Anbieter die Stimmrechte erhält, kann einen erheblichen Unterschied machen.
Warum ich Stewardship bei der ETF-Auswahl berücksichtige
Klassische ETF-Vergleiche konzentrieren sich häufig auf Kosten, Fondsvolumen, Tracking Difference oder Replikationsmethode. Das sind wichtige Kriterien. Bei großen Standardindizes sind die Unterschiede inzwischen allerdings teilweise sehr gering. Ob ein ETF beispielsweise 0,15 oder 0,20 Prozent laufende Kosten hat, entspricht einer Differenz von fünf Euro pro Jahr je 10.000 Euro Anlagevermögen.
Deshalb berücksichtige ich in meiner Anlageberatung zusätzlich, wie ein Anbieter mit den ihm übertragenen Aktionärsrechten umgeht. Voting ist dabei kein Ersatz für klassische Auswahlkriterien. Ein ETF muss weiterhin zum gewünschten Portfolio passen, ausreichend liquide sein und den zugrunde liegenden Markt zuverlässig und kosteneffizient abbilden. Aus dem verbleibenden Angebot lassen sich aber häufig Produkte auswählen, bei denen auch das Stewardship des Anbieters überzeugt.
Auch Replikation und Wertpapierleihe spielen eine Rolle
Noch etwas komplizierter wird das Thema durch die technische Konstruktion eines ETFs. Ein physisch replizierender ETF hält die Aktien seines Index tatsächlich und verfügt grundsätzlich über die damit verbundenen Stimmrechte. Ein synthetischer ETF bildet die Indexentwicklung dagegen über ein Tauschgeschäft – einen sogenannten Swap – ab. Die Aktien des eigentlichen Index müssen sich deshalb nicht im Fonds befinden.
Auch die Wertpapierleihe kann relevant sein. Fonds verleihen einen Teil ihrer Aktien gegen eine Gebühr an andere Marktteilnehmer. Während eine Aktie verliehen ist, kann der Fonds das Stimmrecht nicht ohne Weiteres ausüben. Für eine Abstimmung muss das Wertpapier rechtzeitig zurückgerufen werden.
Wer Stewardship ernst nimmt, sollte deshalb nicht nur auf eine veröffentlichte Voting Policy schauen, sondern auch darauf, wie diese in der Praxis umgesetzt wird.
DAS INVESTMENT: Stimmrechte als unterschätztes ETF-Kriterium
Auch das Fachmagazin DAS INVESTMENT hat sich im August 2026 ausführlich mit diesem Thema beschäftigt. Chefredakteur Christoph Fröhlich hat dafür das Abstimmungsverhalten verschiedener großer ETF-Anbieter untersucht und unter anderem mich zur Bedeutung von Proxy Voting bei der ETF-Auswahl befragt.
Im Artikel werden erhebliche Unterschiede zwischen verschiedenen Asset Managern sichtbar – ebenso wie die zunehmende Bedeutung, die große ETF-Anbieter durch die von ihnen gebündelten Stimmrechte inzwischen auf Hauptversammlungen besitzen.
Meine Position dazu: "Das Mitbestimmungsrecht als Aktionär steht für mich neben dem Gewinnbezugsrecht. Dass Anleger völlig unbewusst ihre Gestaltungsmöglichkeit abgeben, stört mich grundsätzlich."

Fazit: Ein ETF besteht aus mehr als TER und Performance
Die Auswahl eines ETFs sollte nicht allein davon abhängen, welcher Anbieter in der zweiten Nachkommastelle die niedrigste Verwaltungsgebühr verlangt. Kosten, Tracking Difference, Replikation und Liquidität bleiben wichtige Kriterien. Wer langfristig in Aktien investiert, ist aber zugleich Eigentümer von Unternehmen – und mit diesem Eigentum sind Rechte verbunden.
Proxy Voting und Stewardship zeigen, wie der ETF-Anbieter mit diesen Rechten umgeht.
Gerade wenn mehrere ETFs denselben Markt ähnlich gut und günstig abbilden, kann das Abstimmungsverhalten deshalb ein zusätzliches sinnvolles Auswahlkriterium sein. Für Anleger, denen neben Rendite und Risiko auch Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle Unternehmensführung wichtig sind, gehört die Frage aus meiner Sicht sogar zwingend mit auf den Tisch.
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Dein Niklas Krämer
weitergedacht. Anlageberatung
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf bestimmter Finanzinstrumente dar.

